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Zukunft gestalten beginnt mit Zuhören
In einer stark gewandelten Weltlage, die nicht aufhört, von immer neuen und sich verschärfenden Krisen zu erzählen, ist die Arbeit für uns Bildungs- und Nachhaltigkeitsakteure oft geprägt von Frust und Ohnmacht. Uns und den Menschen, mit senen und für die wir arbeiten, scheint der Blick oft auf das gerichtet, was auseinanderdriftet. Dabei geraten aber zunehmend die vielen Menschen und Initiativen aus dem Blick, die tagtäglich daran arbeiten, tragfähige Lösungen zu entwickeln und Veränderungen voranzubringen und die damit auch erfolgreich sind. Auch wird die massive Dynamik der globalen Transformation unterschätzt, die Erneuerbare Energie, zukunftsfähige Mobilität, klimafreundliches Heizen und Kühlen zum Treiber für zukunftsfähige, wirtschaftliche Dynamik und geopolitische Unabhängigkeit werden lassen.
Demokratie braucht Begegnung und Orte der Begegnung, die sozial-ökologische Transformation gelingt besser im gesamtgesellschaftlichen Dialog. Hier setzte unsere Fachtagung „Zukunft gestalten im Dialog. Bildung, Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken in einer veränderten Weltlage“ an. Drei Tage lang kamen Ende Mai in Münster Menschen aus Bildung und Zivilgesellschaft zusammen, um gemeinsam der Frage nachzugehen, wie Demokratie und sozial-ökologische Transformation auch in Deutschland noch gelingen können.
Schon der Auftakt machte deutlich, worum es gehen sollte. In einer Videocollage berichteten renommierte Bildungsakteure aus Kolumbien, Indien und Südafrika von den Herausforderungen in ihrem Land, aber auch von ihren Lösungsansätzen. Trotz aller Unterschiede verband ihre Erfahrungen eine gemeinsame Erkenntnis: Nachhaltige Veränderungen entstehen dort, wo Menschen ihre Zukunft gemeinsam gestalten, in spannenden strategischen Ansätzen und gemeinsamem Handeln. Erfolgreicher Klimaschutz zum Beispiel wächst aus den Bedürfnissen und Ideen der Menschen vor Ort. Er gelingt dann, wenn Menschen und Communities beteiligt sind und Verantwortung übernehmen können.
Diese Perspektive zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Tagung. Sie zeigte: Die Herausforderungen unserer Zeit sind groß. Gleichzeitig aber gibt es bereits viele gute Ideen, erprobte Ansätze und engagierte Menschen. Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger, ob Lösungen vorhanden sind. Viel wichtiger ist, wie sie gemeinsam entwickelt, kommuniziert und umgesetzt werden können und ob sie als wirksam und gerecht wahrgenommen werden.
Ein erster Schlüssel zur Antwort liegt im Umgang miteinander. Der Mediator und Journalist Nils Husmann zeigte in seiner Keynote, wie viel gesellschaftliche Debatten von der Mediation lernen können. Hinter jeder Position stehen Menschen mit ihren jeweiligen Erfahrungen, Werten und Bedürfnissen. Nur wer diese wahrnimmt und ernst nimmt, schafft Raum für Verständigung und neue gemeinsame Lösungen. Zuhören bedeutet dabei weit mehr als höflich abzuwarten und dann den anderen überzeigen zu wollen von der eigenen Idee. Es eröffnet die Möglichkeit, den Menschen hinter einer Meinung kennenzulernen. Aus dieser Haltung heraus entsteht Vertrauen und dieses Vertrauen bildet dann die Grundlage für Zusammenarbeit und gibt dem Entstehen eines gemeinsamen Neuen eine Chance.
Zuhören als Schlüssel zum Miteinander
Dieser Gedanke tauchte an vielen Stellen der Tagung wieder auf. Besonders deutlich wurde er bei Julian Franz von Heimatwurzeln e.V. und später in der Transferwerkstatt Sprechen und Zuhören von Anette Lilje vom Eine-Welt-Netz NRW.
Gerade in einer Zeit, in der öffentliche Debatten oft von Lautstärke und Überzeugen-wollen geprägt sind, schaffen Zuhören und Verstehen wollen die Voraussetzung dafür, gemeinsam tragfähige Lösungen zu schaffen.
Einen besonderen Impuls setzte die Psychologin und Beteiligungspädagogin Marina Weisband. Ihr Vortrag machte deutlich, wie eng Demokratie und Selbstwirksamkeit zusammengehören. Menschen engagieren sich dort, wo sie erleben, dass ihr Handeln wirklich etwas bewirkt.
Am Beispiel des digitalen Schul-Beteiligungskonzeptes aula.de, dessen Mitgründerin sie ist, zeigte sie, wie Schulen zu Orten werden können, an denen junge Menschen Verantwortung übernehmen und demokratische Prozesse aktiv mitgestalten. Dabei geht es um weit mehr als einzelne Beteiligungsformate. Es geht vor allem um eine Haltung, die Kinder und Jugendliche als eigenständige Gestalter:innen ihrer Lebenswelt ernst nimmt.
Hier wurde deutlich: Demokratie lebt von Menschen, die Gestaltungskraft erleben, von Klein auf.
Bildung eröffnet Räume zum Gestalten
Immer wieder wurde gezeigt, welche Rolle Bildung dabei spielt. Bildung vermittelt auch Wissen. Gleichzeitig eröffnet sie aber Erfahrungsräume, in denen Menschen gemeinsam handeln, Perspektiven wechseln und Verantwortung übernehmen können.
Marina Weisband machte deutlich, dass es in der Schule und in der Bildungsarbeit allgemein gelingen muss, gemeinsam, also Lehrende und Lernende zusammen, nach Lösungen zu suchen. Zum anderen betonten sie, wie wichtig es für Demokratie und gesellschaftliche Zusammenhalt ist, Fakten als Fakten zu vermitteln, und sich der demokratiefeindlichen Tendenz „alles sei Meinung“ zu widersetzen.
Thomas Hohn und Stefan Rostock griffen diesen Gedanken in ihrer Transferwerkstatt „Bildung – Politik – Dialog“ auf. Bildung für nachhaltige Entwicklung versteht gesellschaftlichen Wandel als gemeinsamen Lernprozess. Sie stärkt Menschen darin, komplexe Herausforderungen zu verstehen und Lösungen mitzugestalten.
Robert Kläsener zeigte, dass Demokratiebildung dort beginnt, wo Menschen Mitbestimmung im Alltag erleben. Am Beispiel einer Schultoilette machte er deutlich, wie aus einer einfachen Frage ein demokratischer Lernprozess entstehen kann. Schüler:innen entwickelten in diesem Fall Argumente, hörten andere Perspektiven und suchten dann gemeinsam nach einer Lösung.
Solche Erfahrungen schaffen die Grundlage für politische Bildung. Wer schon in Kita, Schule oder Bildungseinrichtungen erlebt, dass die eigene Stimme zählt und gemeinsam Entscheidungen getroffen werden, entwickelt Vertrauen in demokratische Prozesse und den Mut, Gesellschaft mitzugestalten.
Wie Beteiligung in der Praxis gelingt, zeigten zahlreiche Beispiele der Tagung. Silke Wesselmann vom Amt für Klimaschutz und Nachhaltigkeit im Kreis Steinfurt präsentierte, wie dort die Energiewende gemeinsam mit den Bürger:innen entsteht, ihre Erfahrung: Energiewende ist Vertrauensarbeit, ja ein Vertrauensprozess. Heimatwurzeln e. V. entwickelt neue, greifbare Wege der Klimakommunikation für ländliche Räume. Mit #MitmischenNRW, vorgestellt von Thea Stellpflug sammeln junge Menschen Erfahrungen politischer Mitgestaltung und bringen ihre Perspektiven in die NRW-Nachhaltigkeitspolitik ein.
Die Beispiele zeigen, dass gesellschaftliche Transformation dort gelingt, wo Menschen Verantwortung übernehmen können. Lösungen entfalten dann ihre Wirkung, wenn sie gemeinsam entwickelt werden und an den Lebensrealitäten der Menschen anknüpfen.
Auch die Referentin Marianne Dobner von Klimafakten und Hallo Klima! aus Wien knüpfte daran an. Sie zeigte, wie Klimaresilienz wachsen kann, wenn Menschen sich als Teil einer Gemeinschaft erleben und ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten entdecken. Persönliche Beziehungen, tragfähige Netzwerke und die Erfahrung, etwas bewegen zu können, stärken den Mut, Herausforderungen gemeinsam anzugehen.
Am Ende der Tagung füllte sich eine große Pinnwand mit Netzwerken und Ideen für die weitere Zusammenarbeit. Sie machte sichtbar, was in den vergangenen Tagen entstanden war: neue Verbindungen und die Bereitschaft, miteinander diesen Weg weiterzugehen: Der Handprint beginnt mit echter Teilhabe!
Wie meistern wir die Herausforderung Transformation so zu gestalten und in der Bildungsarbeit zu Teilhabe zu ermächtigen, dass Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt gestärkt werden? Die Fachtagung bildete den Abschluss des dreijährigen Projektes „Globale Transformation mitgestalten & beschleunigen: Dialog fördern - Menschen ermächtigen – Entscheidungsträger:innen einbinden“, gefördert vom BMZ über Engagement Global und der Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW.
Unsere Fachtagung in Münster hat vielen teilnehmenden Mut gemacht und gezeigt, dass die Antworten auf die großen Herausforderungen unserer Zeit bereits vielerorts Gestalt annehmen. Sie entstehen überall dort, wo Menschen einander mit Respekt begegnen, milieuübergreifend ins Gespräch kommen und zusammen nach Lösungen suchen. Zukunft wird auf diese Weise Schritt für Schritt gestaltet. Im Dialog und gemeinsam.
Autor:innen: Thea Stellpflug, Melanie Gehenzig, Stefan Rostock
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